Wie „Arschloch“-Hymnen von Vice Personen bloßstellen

Ich lese Vice gerne mal wegen sehr exotischen Artikeln (z.B. über Nordkorea), aber manchmal finde ich dortige Artikel haaresträubend. So wie diese hier:

– WARUM DIE SACHE MIT DEM SCHWANZ IN DER SOCKE TOTALER SCHEISS IST
– WIE DIE ENGLISCHE JUGEND VON ARSCHLÖCHERN UNTERWANDERT WIRD

Hergezogen wird primär über Jugendliche, die sich wie Jugendliche benehmen sowie über die Prostatakrebs-Hashtag-Kampagne #CockInASock, bei der Männer (meist durchtrainiert) Fotos von sich auf Twitter posteten. Vice beschimpfte die Teilnehmer als Arschlöcher und das Ganze sah bei besagten Jugendlichen in britischen Diskos ähnlich aus.

Der Artikel las sich wie: Hier geht einer, um sich vom Pöbel abzugrenzen, auf Niedermenschen-Jagd und berichtet uns empörenden Sesselpupsern herabschauend vom gruppendynamisch definierten Abschaum der Menschheit – schön mit Wörtern wie „eklig“ und „Arschlöcher“ verziert, um die Differenz zu unserer geglaubten und hochgelobten Wertewahl zu unterstreichen. Oder „es ist Zeit, eine Runde auf andere herabzuschauen“

Kritische Hetzjagd

Ich finde es kritisch, wenn man Jagd auf Jugendliche macht und ihre Hormonschwankungen öffentlich inkl. Bildern bloßstellt. Aber wahrscheinlich sind entsprechende Autoren schon mit abgeschlossener Entwicklung aus dem Mutterleib geplumpst und hatten darum stets den Moralindex indoktriniert gelebt – ein Aufwachsen exklusive aller Hormonschwankungen. 
Man spricht immer von Freiheit der Menschen. Ich habe das Gefühl, gewisse Gruppen wollen gar keine Freiheit, sondern, dass Leute nach ihrer Pfeife ticken. Es ist bezeichnend, wenn man Jagd auf Jugendliche macht – und zwar an einem Ort (Disko), der dafür da ist, ihre Hormone mal frei rauszulassen. So lange sie nicht grundlos auf jemanden losgehen, ist es ihre Entscheidung, das auszuleben.

Würden wir Menschenwertigkeit durch neue Trends an Marathonlauffähigkeit statt Moralindexklonen definieren, würden viele an Ego-Komplexen einsinken. Auch wenn man zum aktuellen Moralindex-Trend passt und sich geschützt im Büro darüber auslassen kann, da man die Personen nicht näher kennt und es einfach ist Stempel zu verteilen, bin ich mir sicher, dass Urteile anders aussähen, wenn es Familienfälle gäbe, wo Nahestehende keine Stärke im Urteilsvermögen hätten – man würde sie sogar schützen und urplötzlich verstehen, dass Menschen nicht schlechter sind, nur weil sie manche Fähigkeiten nicht haben. Zudem wette ich, dass der Autor zu keinem der „Arschlöcher“ gelaufen wäre, um ihnen in die Augen zu schauen und das dort Geschriebene ins Gesicht zu sagen. Man hat einfach nur Glück gehabt, dass im späteren Leben der Moralindex mehr gewichtet wird, wenn man hinzukommend noch dank Erbschaftsglück die Fähigkeit erlangt, diesen perfekt zu übernehmen. 

Was man selbst nicht will, das…

Ich will nicht dafür gruppendynamisch degradiert werden, dass ich miserable Liegestützen mache, andere wollen gewiss ebenso keine Degradierung, nur weil sie gewisse Fähigkeiten für Verständnismöglichkeiten der heutigen Moraltrends (noch) nicht erlernen konnten. Die meisten sind harmlos und haben einfach Spaß vorm Spiegel (was daran kritisch ist, weiß ich nicht). Der Unterschied ist nur, dass man als jemand mit früheren Moraltrend-Fähigkeiten das Glück hat, dass jenes gesellschaftlich mehr gewichtet wird. Denn effektiv gibt auf dieser Welt keinen Kodex, der entscheidet, dass diese Gewichtung zwangsläufig so abzulaufen hat. 

Die Freude am eigenen Körper  & das Zwilicht mit dem Talentelob

Den Artikel des Autors kommentierte ich bereits ähnlich: Meine Güte, lasst die Typen doch ihren Spaß haben. Ich verstehe nicht, wo das Problem sein soll, wenn sich Personen gerne über ihren Körper freuen. Ich persönlich freue mich und genieße es, wenn gutaussehende Menschen attraktive Fotos von sich schießen. Ich verstehe nicht, wieso das einen zu einem Arschloch machen sollte. Hier wird die Freude der Typen an ihrem Körper und an ihrer Sexualität wie ein Skandal dargestellt, gekoppelt mit Empörung, aber 20 Minuten später folgt (nicht allzu selten) gezieltes Ansurfen solcher Aussichten, um den täglichen „Druck“ abzubauen. Man selbst konsumiert dann hinter verschlossener Tür solche Aussichten – ohne Interesse an der Persönlichkeit der Darsteller. Man hat eben auch Bedürfnisse, die man nur schwer runterfahren kann. Aber über die Disko beschwert man sich. Ich höre da eine leichte Doppelmoral raus…?

Menschen, die Freude an ihrem Körper haben und das gerne zeigen, sind eben nicht automatisch Arschlöcher – auch wenn sie stolz auf ihren Körper sind. Warum auch nicht? Solch‘ ein Training ist harte Arbeit und ich sage Menschen gerne, dass ich sie schön finde – was spricht dagegen? Sie freuen sich, ich freue mich. Wo ist denn das Problem? Dass man in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, bei der man darüber herzieht, wenn sich wer über seinen Körper freut und stolz auf seine Trainingergebnisse ist? Ich habe das Gefühl, man sucht sich hier Feinde, wo keine sind. Warum sollten einen ästhetische Trainingergebnisse nicht genauso stolz machen dürfen wie Personen, deren Fähigkeit im Zeichnen, Singen etc. liegt? Eben diese zeigen diese Fähigkeit inflationär und werden gelobt. Warum sind dann andere Vorzüge urplötzlich ein Skandal?

Kurzum

Lasst Jugendliche doch Freude an ihrem Körper haben, bevor sie sich in die triste Nörgelwelt der Erwachsenen zwängen müssen. Es ist ihre letzte Gelegenheit, in der sie gemeinsam durchdrehen „dürfen“ und das ungestraft ausleben können, bevor viele von ihnen später der Alltag in die Schranken weist.