Wirkungsvolles statt plagender Systemkritik

Nach meinem letzten Artikel brachte ein Kommentator ein Thema auf, das ich anscheinend zu wenig besprochen habe. Darum möchte ich die Erläuterung noch einmal separat hier einbringen.
  

Nikopol sagt:

Und was ist mit der vohergeangen Exportp7Importolitik der Industrinationen die vorhandene Wirtschaftskreisläufe in den Entwicklungsländern erst zerstört um dann gnädig mit Aubeutungsbetrieben wenigstens eingen wenigen etwas zu geben ? Du singst hier Hymnen des Kapitalismus . Der Konsument ist genauso Opfer einer sozialdarwinistischen Idee wie die augebeuteten in armen Regionen . Auch zeigst du genauso nur mit erhobenem Finger auf Schuldige wie der empörte Luxusweltverbesserer hinter seinem Pc und bennest nicht Ursache und Wirkung .

Konsumenten bestimmen Wirtschaftszustände

Das Konzept meines Beitrags kam wohl nicht so ganz rüber.

Die Sache ist die: Kein Konzern kann ohne Konsumenten überleben. Diese Konzerne und Wirtschaftsläufe gäbe es ohne unsere Beteiligung nicht (und besonders nicht in der Form wie sie sind). Wir wählen nun einmal Billigware aus dem Ausland statt die Binnenwirtschaft zu unterstützen oder auf Firmen zu achten, die bessere Bedingungen anbieten. Mir geht es hier nicht um jene, die sowieso am Existenzminimum leben und sich daher nur diese Billigwaren leisten können, sondern um jene, die sich Waren mit “freundlicherem” Hintergrund leisten könnten. Es geht mir auch nicht um Verschmähung, sondern um das Aufzeigen weiterer Optionen, die man vergisst, aber mit denen man in kleinen Schritten dennoch Veränderung erzielen kann.
Wir im Westen sind keine hilflosen Opfer, sondern nehmen selbst kleine Optionen, die in größerer Anzahl einiges bewirken könnten, einfach viel zu selten wahr – und das nicht selten deshalb, weil wir sie vergessen.

Emotionale Überforderung

Emotional überfordert by Jason Bolonski

Von einer Revolution und tieferen Hintergründen brauche ich gar nicht zu reden – hier haben wir entweder ohnehin als einzelne Person zu wenig Einfluss darauf oder wir wollen zu große Sprünge auf unsere Kosten ohnehin nicht – denn das würde zwangsweise eine Preiserhöhung für alle bedeuten. Daher bleibt das Appellieren an die Freiwilligkeit, zumindest dem Ganzen einen Schub zu geben, den man selbst noch erfassen kann.
Es geht mir darum, an realistische Dinge ranzugehen. Das ist hilfreicher als sich aus gedanklicher Überforder-ung komplett abzuwenden.
Wann hat Systemkritik zum eigenen Nachteil schon gefruchtet? Man ist eine Minute lang erschrocken, empört, weiß nicht so recht, was man damit anfangen soll und wendet sich ab, weil man ein eigenes Leben hat – und das ist nachvollziehbar, so dürfte es ohnehin den meisten gehen. Systeme und Kulturen sind meist zu fern/komplex/diffus/abstrakt/mühselig, um direkt mitzuwirken/mitwirken zu wollen. Und ich nehme mich da nicht aus. Es geht mir in diesem Beitrag schlicht um näherliegende Situationsbezüge.

Warum reine Systemkritik wenig bringt…

Reine Systemkritik ist sehr oft Zeitverschwendung. Das dürfte so gut wie nie Leute aus dem Westen dazu bringen, irgendwas zu tun. Einfach, weil wir Nutznießer davon sind.
Systemkritik ist zudem zu abstrakt, um sich danach verantwortlich zu fühlen – auch wenn man der Grund dafür ist, warum das System aufrecht erhalten wird.
Wenn du ein abstraktes System kritisierst, hast du keinen klaren Feind/persönlichen Eingriffspunkt – und damit den perfekten Weg, sich nicht beteiligt zu fühlen. Anders, wenn man mitten eingeflochten ist und es endlich bemerkt – plus Methoden, zu denen man Bezug hat, ohne dass sie einem zu nahe treten.
Seien wir mal ehrlich: Von all den Systemkritikern würden 99% abspringen, wenn sie wüssten, was eine Systemänderung für SIE bedeuten würde. SO altruistisch ist in der Regel fast niemand. Die 1% wären wahrscheinlich hauptsächlich verzweifelte Masochisten, denen der eigene Lebensstil zu wenig bedeuten würde, um ihn aufrecht zu erhalten oder die ohnehin die Welt verzweifelt prinzipiell umgewälzt sehen wollen. Extrem wenige würden ihren Lebensstil aus Nächstenliebe für eine Systemänderung aufgeben. Das sind normale Schutzreaktionen und simpelste Psychologie.

Aufgepasst: Dieses Bild allein sorgt
dafür, dass viele den Artikel skippen. 😉 
by
Padmanaba01 | CC 2.0 by-sa

Warum nur ein schlechtes
Gewissen noch weniger bringt…

Ein schlechtes Gewissen hilft zudem auch wenig. Wenn sich etwas schlecht anfühlt (z.B. Schockbilder), liegt es allein schon biologisch nah, sich davon abzuwenden. Das, was wirkt, sind keine zu stark wahrnehmbaren Verstellungen, die dafür aber in den Alltag einbaubar sind und für einen persönlich nachvollziehbare Früchte ausmachen.
Wenn man an Personen spendet, bestehen z.B. auch die Gewissensbisse und Ängste, was man tun sollte, wenn man das Spenden beenden will. Man hat Angst, sich durchs eigene Gewissen sein Leben lang dazu verpflichtet zu fühlen, das fortzusetzen. Kriegt man traurige Briefe danach? Wie wird sich die Person danach fühlen? Man fühlt sich eingebaut, eingeklingt, verantwortlich. Das geht vielen zu nahe. Allgemeine Spenden sind einem dann wieder zu diffus, unbekannte Empfänger.

Potenziell hilfreichere Wege

Am Lohn von Arbeitern beteiligt zu sein, ist hingegen mit einem viel besseren Gefühl vereinbar und realistischer. Man kann stets anonym wählen, ob man entsprechende Ware kauft oder nicht. Zudem erhält man viel eher das Gefühl, fleißige Personen entlohnt zu haben, Arbeitsbeding-ungen etwas gebessert zu haben und auch selbst dafür etwas zu kriegen. Ich finde dieses Konzept ziemlich gut. Es geht zumeist aber unter – daher ist Anstupsen nicht schlecht.

Der Rest meines Artikels bezog sich zudem auf meine Kritik bezgl. den viel zu weltfremden Vorstellungen vieler Personen. Wir können nicht mit unserem Maß an solchen Orten messen. So lange das viele aber weiterhin so betrachten, dürfte der Sprung auch zu groß sein, realistischer an die Sachen ranzugehen.

 

  • Ich sehe das wirklich genauso. Das ist aber auch eine seltsame Aussage von Nikopol. Aber es ist doch immer gut wenn sich Leute gegen schlechte Kritik äußern.

  • Leider sind die wenigsten Märkte perfekt, sei es durch natürliche Monopole aufgrund der Art der Güter oder entscheidenden Ausgangspositionen, die einen erheblichen Einfluss auf das spätere wahrscheinliche Gleichgewicht haben. Deshalb muss der Staat manchmal eingreifen, sind wir also liberal, nicht libertär, aber trotzdem von halbwegs rationalen egoistischen Menschen ausgehen. Ich sehe das auch so, dass der Appell an den Verbraucher (Faire Welt Laden) zum Scheitern verurteilt ist, weil sich ja, wenn man das öfters machen würde, die nützlichen Guten selbst benachteiligen, das nur pathologisch zu erklärende Gutmenschentum à la PETA, das bei den vorhandenen Läden zum Tragen kommt, darauf gehe ich jetzt mal gar nicht erst ein. Im Einzelfall kann die Form der christlichen Nächstenliebe auch was Nützliches bringen, in der Masse muss man nach komplizierteren Lösungen suchen, die externe Effekte wie Umweltbelastung in die Kalkulation der Einzelnen einbeziehen und zwar nicht freiwillig, weil das nicht funktionieren kann, ohne über das Ziel hinauszuschießen.

    Das war heute meine Art zu sagen, Hallo, hübsches Fräulein.